Der Verrat meiner Generation

Ruigoordrede, Amsterdam 2003

 

Ich möchte hier von einem Albtraum berichten. Ein Albtraum ist  ein böser Traum und dieser böse Traum, ist in meinem Fall ein Traum, der noch gut anzufangen schien, doch schon bald in eine unangenehme Richtung ging. Die Hauptdarsteller, von der ersten bis zur letzten Minute, meine Generationsgenossen. Die Generation, vom Mai 1968, eine Generation von Provokation und Einbildung, die Generation von „Hitweek“ und „Gandalf“, eine Generation der neuen Musik und der neuen Bildsprache, eine Generation, die sich Wörter wie ‚marginal‘ und ‚Protest‘ und ‚anti-autoritär‘ auf die Fahnen geschrieben hatte, eine Generation des erweiterten Sexualitätsverständnisses.

Ich bin von meinen Generationsgenossen verraten worden. Ich bin Teil einer Generation von Verrätern. Dadurch bin ich unweigerlich auch selbst ein Verräter. Ich bin vom Verrat infiziert, denn ich war zugegen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich vor allem von meinen Freunden verraten fühle. 

Ich wurde im Stich gelassen, ich bin verwaist. Ich stehe in der Kälte. All diese pathetischen Emotionen tosen in mir, wenn ich an meine Altersgenossen denke. So kann ich den Älteren Verständnis entgegen bringen und gerührt auf die Kinder schauen – nur meine eigene Generation ist mir fremd. Ich mag Ratten, Mücken, Piranhas, Nissen – nicht aber meine Generationsgenossen.

Es schien so schön, als man ihnen mit Zwanzig glauben musste. Mit einem Hammer und ein paar Schrauben würden sie mir nichts, dir nichts das Paradies zurechtzimmern. Nur noch einen klitzekleinen Krieg unter den Teppich kehren, ein paar Massenmörder und einen alten Polizeipräsidenten ablösen und die Sache wäre gegessen.

Ich muss das ‚meine‘ in meine Generationsgenossen, meine Zeitgenossen, relativieren. Vieles geschah hinter meinem Rücken, ich war viel eher damit beschäftigt, meine Unschuld einzubüßen, als eine Gesellschaft zu transformieren. Ich hatte keine Ahnung wo die Länder liegen, in denen das Unrecht geschah, gegen welches meine Altersgenossen so vehement protestierten. Das eine Mal ist durch meine Hand eine Scheibe in einem Polizeibüro am Leidseplein zu Bruch gegangen, ein andermal eröffnete ich mit der Übersetzung eines idiotischen französischen Gedichts über die tapferen, von Hoffnung erfüllten Maimädchen, die Ausgabe der literarischen Zeitschrift, deren Redakteur ich gerade geworden war (die Maiausgabe 1968). Noch ein anderes Mal unterstützte ich, auf meine Art, einen dissidenten, griechischen Dichter, den die Obersten eingesperrt und natürlich gefoltert hatten, in dem ich für eine Protestkundgebungen ein Gedicht übersetzte, von dem ich überhaupt nichts verstand. Das war dann aber auch schon mein kompletter Beitrag an der Revolution.

Doch ich sah, wie beschäftigt sie waren, meine Zeitgenossen. Ich beobachtete sie. Ich bin ihren Fußstapfen gefolgt, ihren Blicken und ihren Gebärden. Ich sah sie gerade vor und zur Hälfte schon auf der Schwelle der Institute, durch welche sie ihren langen Marsch veranstalten würden.

Zudem war die Bewegung, die Atmosphäre, die Mentalität in jenen Jahren so allgemein, so selbstverständlich – selbst wenn du bereits abseits gestanden hast und halbherzig aufgetreten bist, wenn du nicht einmal gemerkt, was du getan oder unterlassen hast – als Zwanzigjähriger warst du automatisch ein Teil davon. Es hing in der Luft, du hast es inhaliert und wieder ausgeatmet.
Es war undenkbar, mit den meisten Standpunkten und Entwicklungen  nicht einverstanden zu sein. Du selbst warst die Entwicklung. Sogar die Vereinsstudenten gingen Wattwandern und schnupfen.

Ich kann nicht sicher sagen, ob der Drang nach Verrat, der meine Generationsgenossen trieb, die Popularität dieser Zweiteilung eher steigerte, oder ob die Spaltung eine philosophische Mode war, die ihren Verrat – immer mehr Verrat – auf ideale Weise legitimierte. Dafür fallen die Begriffe sechziger Jahre und Verrat zu sehr zusammen.

Wenn ich vom Verrat meiner Generation spreche, meine ich eine andere Art Verrat – einen einzigartigen, den totalen Verrat – und nicht das, was sich üblicherweise unter Generationsgenossen abspielt, wenn sie älter werden und sich mit den gesellschaftlichen Realitäten konfrontiert sehen. Im gegenseitigen Wettbewerb versteckt sich ein großer Teil der Ellenbogenarbeit, die wir vom Menschen ohnehin gewohnt sind. In jeder Generation wird nach oben geleckt und nach unten getreten. Die Alten werden im Stillen gehasst und die Jungen missgünstig geködert. Und vor allem gegenseitig versucht man sich um Geld und Freundinnen zu bringen.

Ich spreche hier nicht von der üblichen Konkurrenz und dem angemessenen Neid. Ich spreche von einer ganzen Generation, die desertierte. Von einem Verrat, der der Zivilisation ein Ende setzte. 
Einem Verrat, der die Welt in eine andere Richtung lenkte.

Dass man die Ideale seiner Jugend verrät ist an sich nichts Seltenes. 
Es ist nicht mal Verrat, es ist früh auftretende Erschöpfung. Plötzlich sehen wir unsere alten Schulfreunde, einst allesamt Brandstifter und Rabauken, hinter einem Kinderwagen hertrotten, Kanarienvögel aufziehen, Lotto spielen. Sie verdienen ihr Geld mit Haarspangen, Hypotheken und Vitaminpräparaten. Schon bald nehmen sie den Unterschied zwischen den Konturen ihrer Frau und ihrer Couch nicht mehr wahr.

Der Verrat von dem ich spreche, ist pathetischer und unsichtbarer zugleich. 
Allgemeiner und nonchalanter. Er wird entweder mit Aplomb gepflegt oder lapidar gestreift, als sei er nicht existent.

Hier bin ich auch gleich beim markantesten Merkmal dieses Verrates gelandet: Bei der Tatsache, dass Wirkung und Wirklichkeit kaltblütig von einander getrennt wurden. Was meine Altersgenossen hier hinter den Kulissen veranstalteten, hatte nichts mit dem zu tun, was sie nach außen hin bekundeten. 
Ja, von manchen Hochstaplern, Stinkern und Schlaftabletten könnte man sogar glauben, dass sie bis zum heutigen Tag den Ideen der sechziger Jahre treu geblieben sind – sich wie eben diese alte Generation zu benehmen und ihr Verhalten gar als etwas Neues zu präsentieren – darin sind sie ganz geschickt. Diese Teilung zwischen Schein und Sein sollte schon bald auch in anderen Bereichen vorherrschen – in der Politik, der Literatur, im Sozialverhalten und in der Wirtschaft.

Schein und Sein, Wirkung und Wirklichkeit, Werbung und Produkt, Botschaft und Inhalt. Was du sagst und was du denkst. 
Bluff und glühende Asche.

Ich kann nicht sicher sagen, ob der Drang nach Verrat, der meine Generationsgenossen trieb, die Popularität dieser Zweiteilung eher steigerte, oder ob die Spaltung eine philosophische Mode war, die ihren Verrat – immer mehr Verrat – auf ideale Weise legitimierte. Dafür fallen die Begriffe sechziger Jahre und Verrat zu sehr zusammen. 

Meine Generation hat den Glanz verloren. Der Verrat war scheinbar dem Ideengut inhärent, eingebacken in die Vorstellungen und Utopien, die sie hegten. Es formte gleichsam das genetische Material der Träger jener Ideen selbst. Eine unverwechselbare Kombination von sozialem Hintergrund und aufstrebendem Wohlstand, könnte für die merkwürdige Mischung aus Fanatismus und Bequemlichkeit gesorgt haben, die meinen Altersgenossen so eigen war. Jungen und Mädchen aus aufwärts strebenden Familien, die nun viel leichter all das bekommen konnten, wofür frühere Generationen noch hart kämpfen mussten, in einer starren Gesellschaft, in der Autorität als Zielscheibe immer noch sehr beliebt war. So etwas musste wohl in einem Festgelage für Nutznießer, Deserteure, Heuchler, Egomanen und kleine Diktatoren enden.

Was war der Beitrag der Generation 1968? Die Autorität wurde als treibende Kraft benannt und isoliert, die Rolle der Intellektuellen neu erfunden. Zwei Entdeckungen die eine fade Reprise der alten Revolutionsgeschichte ergeben, aber das kann man zwanzigjährigen Jungen und Mädchen nicht verübeln. Es wurden ja immer mal wieder Reprisen in der Provo-und Hippie-Bewegung aufgeführt, nur diesmal waren Humus und Umstände fatal.

‚A small step for man, but a giant step for mankind‘. 
Ein viel zitierter Satz in dieser Zeit, in der meine Generationsgenossen schon am Lenkrad und in den Sesseln saßen. Der giant step ist ausgeblieben, zumindest der nach vorne.

Die linken Ideale waren die Ideale tout court geworden. Rechts gab es nicht mehr, 
und das fand Rechts eigentlich selbst auch. Rechts, das waren fossile Männchen mit einer Hühnerbrust voller Auszeichnungen, Zapfenstreich-Männchen, ewig starr zwischen Fahnenstöcken und Schäferhunden posierend. Von Anfang an ahnten meine Generationsgenossen den Wert von Typisierungen, Stigmatisierungen, Begriffsbildungen 
und Dämonisierungen aller Art. Werbemenschen, Journalisten, Kabarettisten, Copywriters, Dichter – sie alle gehörten zum neuen Zeitalter. Linke Maulwürfe und Versammlungsroboter,
die nach Funktionen lechzten, konnten sich auf die Kettenreaktion publizitären 
Goodwills verlassen. Denn damit hatten sie unverzüglich begonnen: Hineinkriechen in die Staatsmaschinerie, lukrative Jobs übernehmen, Machtpositionen besetzen, alte Wölfe verjagen, um für neue Platz zu machen. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Provos und Revoluzzer einige Details in Bezug auf die Rolle der Frau, beim Nachtleben und der Filmzensur geändert haben. Doch es blieb bei Details, bei Scheinverbesserungen.

Ihr erfolgreichster Taschenspielertrick war vielleicht, dass wir noch immer an Details glauben, dass wir ihre Scheinverbesserungen noch immer als echte Verbesserungen wahrnehmen und irrtümlicherweise für Menschen gehalten werden, die den größeren Zusammenhängen äußerst uninteressiert und gleichgültig gegenüberstehen. Globale Zusammenhänge gelten als suspekt. Alles wurde zur Nebensache, alles wurde Kosmetik. Und gerade in den größeren Zusammenhängen lag (wen wundert’s?), ihre größte Schwäche.

Unter Verrätern bin ich älter geworden, unter Kriminellen.

Jeder durfte bei allem mitreden – Demokratisierung, Mitbestimmung. Tatsächlich aber wusste meist niemand von Nichts. Eine Mehrheit sagte nein, und woanders geschah es dann doch. Es wurden Risiken vorher gesagt, aber eigentlich war die Sache schon entschieden. Beschlüsse wurden evaluiert, von denen man im Hinterstübchen schon wusste, dass sie ohnehin nie zum Tragen kommen würden.

Die Scheindemokratie war vernichtend präsent, und niemand kapierte, dass die echte Demokratie abgeschafft worden war. Dank meiner geliebten Altersgenossen leben wir nun in einer nominalen Demokratie – wir nennen es Demokratie, also ist es eine.

Die Kumpel der sechziger Jahre schienen dazu in der Lage, alles als einen Erfolg ebendieser sechziger Jahre zu verkaufen. Auch dann noch, als es verdammt spät war.

Privatsphäre, um einen anderen großen Punkt zu nennen. Wie voll nahmen die jungen Revolutionäre den Mund zu diesem Thema! Die autoritären Kapitalisten, die elitäre Superelite und die militärische Maschinerie waren auf nichts anderes aus, als auf unsere Personendaten. Ausweise, Volkszählungen, Datenverknüpfungen – die Achtundsechziger reagierten darauf so verbissen, wie ein Pudel auf eine Klapperschlange. Nun waren sie dreißig Jahre an der Macht – zuerst ein bisschen, dann ein bisschen mehr, schließlich total – und die Frage der Privatsphäre, sie ist kommentarlos durch die Hintertür entsorgt worden.
Sie sind imstande, glatt zu verneinen, dass sie sich je darüber aufgeregt haben.

Die verrücktesten Daten werden mittlerweile aneinander und Gott weiß was gekoppelt, 
jeder kann bis in die hintersten Winkel kontrolliert und gescannt werden – aber all dies schien und scheint nicht mehr diskussionswürdig. So wurde eine der Lackmusproben der individuellen Freiheit ausgerechnet von denjenigen preisgegeben, die sich nur so lange um Freiheit sorgten, wie sie ihre eigene bedroht sahen. Für den Machthunger und die Systemsucht meiner Generationsgenossen war die Erfindung des Terroristen die Rettung. Die letzten Kontrollbremsen waren auf einmal gelöst. Das totalitäre Virus verstärkt sich in uns, von innen heraus. Glücklicherweise aber bezeichnen wir es nicht so. Die mechanische Teilung in ein frommes Ideal und in leere Floskeln, wie „Angriff auf die Zivilisation“ und „Gefahr für die Demokratie“ wirkt nach wie vor perfekt. 

Wir starren wie immer blind auf Nebenerscheinungen und Abfallprodukte und überlassen Wind und Zwergen das Feld. 

Der Prozess der Bewusstwerdung wird Ziel in sich selbst. Um jeden Preis solltest Du Bewusstwerdung betreiben. Ganz egal wie. 
Unser Glaube an die Verpackung ist zu unserer zweiten Natur geworden.

 

In den Siebzigern und Achtzigern wurde uns oft vorgegaukelt, wir wären zehn mal einen Zentimeter vorwärts gekommen. Hinter den Kulissen jedoch ging es kontinuierlich kilometerweise zurück. 

Was ist mit den großen gesellschaftlichen Phänomenen wie Sexualität und Glaube passiert? Was ist aus ihrem revolutionären Ideengut geworden, als die Achtundsechziger als Vorstände und Politiker ihre ersten praktischen Gehversuche unternahmen? Dass daraus ein Scheißdreck geworden ist, ist noch gelinde ausgedrückt. 

Bequem“ und ‚unkompliziert’ sollten Sexualität und Glaube werden, ohne die Väter und die Priester, ohne die widerwärtige Autorität. Doch als es die Sexualität weiterhin strikt ablehnte, sich als bequem und unkompliziert zu präsentieren und unsere Herren Politiker allmählich selbst das Alter von Impotenz und Prostatakrebs näher kommen sahen, da lenkten auch sie ein und griffen wieder zur altbekannten Peitsche. Natürlich nicht, weil meine Altersgenossen ihr Unrecht einsahen. Und Gott sei Dank tauchten gerade rechtzeitig genug die nötigen Blitzableiter auf. Aids, der Pädophile. Der Pädophile – der hieß bei mir in der Schule noch‚ Religionslehrer’.

Religion. Ach ja, die Religion. Jede Sekte und jeder Guru-Heini waren erlaubt. Also warum nicht auch der offizielle Glaube? Während der Glaube mit seiner Folter, seinen Ritualen und seinen Tempeln allmählich verschwand, nahm die Anzahl der gläubigen Gartenzwerge stetig zu. Geblieben ist die egozentrische Überzeugung, Religion diene einzig und allein der Bequemlichkeit und dem Wohlbefinden.  

Die unaufhörlich unüberlegte Absonderung halbfertiger Ideen meiner Generation führte schließlich dazu, dass wir heute in einer Welt leben, die wieder verkrampft mit ihrem Gauben und ihrer Sexualität umgeht. Etwas Verkrampfteres als Bequemlichkeit gibt es
wohl kaum. Die Folgen dessen bekommen wir tagein, tagaus zu spüren. Wir sehen massenhaft Schattenboxer in den Sackgassen, und entweder sind es die nörgelnde Ermahnungen der Sittenmeister oder das betont unschuldige, unterdessen jedoch aufdringliche Gequatsche der Etwas-isten. Wir sind in die Falle eines Verrats von Individuen getappt, die für sich selbst all das einforderten, was sie anderen nicht zugestehen konnten oder wollten. Freiheit, Selbstbestimmung. Niemals hatten sie sich Gedanken über die Bedeutung dieser Begriffe gemacht. 

Manchmal wäre es wünschenswert, für alle meine Altersgenossen die sich
nach ’68 – zunächst zögerlich, bald jedoch voller Hingabe – in die Politik und
in das gesellschaftliche Leben einbrachten, wenn es die Hölle noch gäbe.
Mit glühenden Schürhaken und brennenden Fackeln und all dem. 

Die Bildung. Was für eine gnadenlose Verwüstung wurde da angerichtet! Darüber wurde bereits genug gemeckert. Die totale Vernichtung scheint unabwendbar, solange nicht der letzte hoffnungsvolle ’68er endgültig vom Erdboden verschwunden ist. Ich weise lediglich noch auf die Folgen unseres Umgangs mit der Geschichte und der literarischen Tradition hin. Ich weise darauf hin, dass es meine Generation war, die an Universitäten und in Unternehmen damit begonnen hat, das Niederländische durch das Englische zu ersetzen. Sie hatte dafür wohlklingende Vorwände. 

Auch der Entwicklung von Umwelt und Landschaft brauchen wir nur unser Augenmerk zu schenken. Wir leben mitten in dem erschütternden Beweis, dass hier eine ganze Generation kriminell und gleichgültig am Werke war. Schrotthändler und Architekten wurden zu Blutsbrüdern, und die Politik hielt ihnen den Rücken frei. Auch in diesem Fall sorgten die Ideale meiner Generationsgenossen für hohle Legitimation. Sterbt, alte Werte. Weg mit der elitären Vergangenheit. 

Wir sprachen von größeren Zusammenhängen wie Demokratie, Privatsphäre, Sexualität, Feminismus, Glaube, Bildung, Umwelt und Ästhetik. Aber die wahre stille Revolution war die Auslieferung an den Kommerz. 

Meine fleißigen kleinen Verwalterchen wurden sehr bald selbst zu Verdienern und Subventionsvertilgern. Eines Tages hatten sie den Staatshaushalt wie einen Kuchen aufgeteilt: ein kleines Stück für die Kultur, ein kleines Stück für die Umwelt, den Großteil jedoch für ihre eigene Maschinerie. Sie hatten sehr wohl Verständnis dafür, dass auch andere daran mitverdienten. Man hätte sie nicht wirklich Zuhälter nennen können,
aber ich kenne alte Kameraden meines Jahrgangs, die mit nulleinhundertneunziger Nummern ein ansehnliches Kapital zusammengekratzt haben. 

Neue Zeiten – neue Möglichkeiten. 

Es waren vor allem die Medien, die auf der Hochzeit meiner Freunde und dem Neo-Kapitalismus tanzten. Die Medien waren leicht zugänglich, dort konnten sie ihren
Gelüsten freien Lauf lassen. Wenn irgendetwas das wahre Antlitz der ’68er treffend spiegelt, so ist es das Fernsehen. Die Entwicklung von Traurerröhre zu Terrorröhre –
ein intimes Zusammenspiel von klugen Unternehmern und Politikern. Und die Legitimation?
Das Dogma der Mitbestimmung. Die Doktrin des einfachen Mannes. 

Guck an! 

Eine Menge Menschen hockt vorm Fernseher. Und nun stelle man sich vor, wie die Herren Unternehmer aus der Unterhaltungs- und Ramschindustrie sich jahrelang den Kopf darüber zerbrachen, wie man diese Massen zu Geld machen könnte. Dabei schliefen sie beinahe ebenso unruhig wie der Nagellackfabrikant, der an sämtliche Finger Chinas denkt. Die Massen sitzen vor dem Ding, das Ding gibt Licht und Ton von sich, aber das bedeutet noch lange nicht, dass zwischen den beiden ein Geldstrom fließt. Eigentlich hat das ganze Geschehen überhaupt nichts mit Geld zu tun. Das Ding strahlt und flimmert umsonst, es kann betteln, soviel es will – bleibt die Masse unberührt, kann es keine Sanktionen verhängen. Eine Sache ärgert die Händler jedoch am allermeisten: Das Ding hat keinen Geldschlitz. 

Jahrelang blieben wir in dem Zustand gefangen, dass ein totes Ding gebannt auf ein anderes totes Ding starrte. Vor lauter Beschaulichkeit und Passivität war die Luft zwischen dem heiligen Glotzaltar und der Masse Mensch zum Schneiden dick geworden. Zwischen ihnen entstand nichtsdestotrotz eine ungeheuerliche Dynamik, mit Geld als einziger Triebfeder. Für dieses Wunder, zwischen Fernsehen und Zuschauer einen Geldstrom erzeugt zu haben, gebührt meiner Generation jeder Ruhm und jede Ehre. Etliche Lügen musste man sich dafür ausdenken. Es galt jeglichen Verdacht, auf einen Zusammenhang zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und nachhaltiger Bildung (ein altes Steckenpferd der Revolution), auszuräumen. Nirgendwo sonst halfen Verwaltung und Politik so bereitwillig mit, wie bei der Anprangerung der kreativen, spielerischen und edukativen Inhalte unserer Fernsehprogramme. Einmal an die Schießbudenbetreiber verscherbelt, sind die Kanäle nun für immer verstopft und schutzlos der Willkür ihrer neuen Besitzer ausgeliefert. 

Joop van den Ende* erhielt dafür von den Führungsleuten eine Königskrone. Es war, als ob man einen Haufen Scheiße vergoldet. 

Die Entwicklung von der Trauerröhre zur Terrorröhre ist für den Verrat und die verräterischen Nachwehen meiner Generation geradezu exemplarisch. Nirgendwo sonst waren die Intellektuellen von ’68 so hilfreich. Ihre Theorien über hohe und niedere Kultur kamen plötzlich wie gerufen. Ursprünglich entwickelt, um die Auseinandersetzung mit anspruchsloser Lektüre und Massenunterhaltung aus dem Folkloresumpf zu befreien und in die seriöse Sektion der Sozialwissenschaften hinüberzuretten. Die Politik bediente sich nur allzu gerne des vagen Gequassels typischer Sechzigerjahre-Theorien. Erst kam die schöne Idee, den Begriff „Opportunismus“ durch „Pragmatismus“ zu ersetzen, dann wurde verkündet, die Unterscheidung in Rechts und Links sei hinfällig. Davon machten die Politiker sehr bald bereitwillig Gebrauch. Einfach so, weil es ihnen sehr gelegen kam. Die Krönung aber war die Behauptung, die Grenze zwischen oben und unten wäre verschwommen. Das veranlasste einige Politiker doch tatsächlich dazu, Hohes mit Niederem gleichzusetzen. Einfach so. Weil es ihnen gelegen kam. Und weil man gut daran verdienen konnte. 

Die große Lüge der Gleichberechtigung von hoher und niederer Kultur hat einzig und allein dazu geführt, dass im Boxkampf zwischen Anspruch und Entertainment das billigste Entertainment siegen konnte. 

Großen Dank meiner Generation auch. Sie begleitete nicht nur den Ausverkauf der letzten Überreste an Zivilisation, sie verabschiedete sich ebenfalls von der Idee, Kultur –
in welcher Form auch immer – als hohes Gut zu sehen. Wie zum Selbstzweck, führte sie eine stille Kampagne. Eine Kampagne, die Wörter wie ‚elitär‘ verhöhnte. Dies gelang nicht
zuletzt dadurch, dass die Intellektuellen, die Parteiphilosophen und die soziologisch gefärbten Thinktanks (eher Nadelhülsen als Tanks) so engagiert daran teilnahmen. 

Ich habe sie damals auf den Barrikaden stehen sehen, mit geballter Faust und  diffusem Glanz in den Augen. Ich habe sie später kriechen sehen und rascheln hören. Und ich ahnte, was ihre Augen damals sahen. Eine fette, bürgerliche Zukunft für sich selbst, ohne den Ballast der Kultur. Eine glückselige Zukunft der Raffgier und der Machtgeilheit und faules Debattieren über ein ewigwährendes Nichts. 

Älterwerden kennt kaum Überraschungen. Doch es war gewiss eine Überraschung, als ich auf der Straße zum ersten Mal von einem Polizisten zurechtgewiesen wurde, der jünger war als ich. Danach wurden auch mein Arzt, mein Notar und mein Anwalt jünger. Und der Höhepunkt all dieser Überraschungen? Der zeigte sich, als plötzlich einer meiner Altersgenossen zum Präsidenten von Amerika gewählt wurde. Ein Schock, der seinesgleichen sucht. Selbstverständlich war es ein Präsident, der die Unterhaltung besonders schätzte.
Mehr als alles andere, hatte er sich seine studentischen Plaudereien gemerkt, weil sie so geschickt die Armut seiner Ideen versteckten und seine sexuelle Befreiung trug er bis ins Oval Office hinein. Blasen im Büro – warum auch nicht! Heute sammelt er Vorschüsse von Medienhaien. Ein Kind seiner Zeit, ein zuckersüßer Verräter. Die Mantras vom Mai 1968 sind noch immer nicht verhallt. 

Nur durch den Mai 1968 lässt sich erklären, weshalb man in den Niederlanden Pim Fortuyn für jemanden hielt, der den Augiasstall der Politik kurzerhand ausmisten würde. In Wirklichkeit war er ein repräsentativer Achtundsechziger, ein waschechter Vertreter des Quasi-Marxismus, ein typischer Altersgenosse von mir, ein vorbildlicher Verräter.
Er versuchte uns glauben zu machen, ein kritischer Neuling in unserem allzu strukturierten und verfeinerten Netzwerk aus Abhängigkeiten, Entschädigungssubventionen, Kontrollwahn und Bürokratie zu sein. Mit seinen halbherzigen Talenten und seinem Unterhaltungswert war er gerade das Ergebnis all dessen. Er konnte, wie alle nach oben gefallenen Jungs der Revolutionszeit, vorzüglich schauspielern – als ob er das Rebellische noch im Blut hätte. 
Es war nicht mal ein Trick – es war Routine. 

Unterdessen wähnte er sich schon an der Macht. Einmal mit ihr bekleidet, wäre er zu jedem Kompromiss, zu jedem Verrat bereit gewesen. Um sein Ziel zu erreichen, führte er eine beispiellose Medienshow auf – dreißig Jahre Verrat im Schnelldurchlauf. Die Herren Berichterstatter folgten wie Hündchen. Er beherrschte bereits List und Tücke derjenigen, unter deren Decke er später kriechen würde. Hätte er überlebt, wäre er als verloren geglaubter Sohn heimgekehrt. 

Meine ganze Generation ist mit Geschick und List an die Macht gekommen. Alle meine Altersgenossen, die nach ‚ 68 den Einstieg in die Politik und in das öffentliche Leben versuchten, gehörten schon vor der Zeit zu den Angepassten. Anfangs fand man es charmant, als sie in die Politik gingen, waren es kleine Siege für die Bewegung, small steps. Schritt für Schritt, so dachte man, würde diese Avantgarde in unserem Namen der bösen Welt zeigen, was sich gehört – und was nicht. Die Wunschvorstellung an der Macht. Der lange Marsch durch die Institutionen. 

Neue Besen kehren gut. 

Idealisten müssen letztlich immer klein bei geben. Kein Mensch kann vor seinen eigenen Schwächen davonlaufen. Trotzdem ist Verrat in diesem Fall das richtige Wort. Meine Generationsgenossen sahen sich nicht nur mit praktischen Gegebenheiten und der Trägheit des Systems konfrontiert, sie arbeiteten zeitgleich zielsicher und begeistert daran mit, die Grenze zwischen high society und Landeiern zu wahren, gar zu verstärken, um Demokratie zu untergraben und Finanzen zur Götze zu erklären. 

Erwiesenermaßen benahmen sie sich wie ein Chamäleon, im hartnäckigsten und strengsten Sinne des Wortes nahmen sie die Farbe ihres Gegners und ehemaligen Feindes an. Dann täuschten sie vor, noch immer die Farben der Revolutionäre zu tragen die sie verkörperten oder für die sie gehalten wurden. 

Natürlich sind sie nicht an allem selbst Schuld. Einflüsse von außen, die unaufhaltsamen Wellen der Geschichte, Zufälle und Katastrophen, es gab sie. Aber viel zu oft nickten sie zustimmend, schlossen ihre Augen, und machten ihrem Ursprung, dem Geist ihrer Väter, ein Zugeständnis nach dem anderen. Viel zu oft krähte der Hahn.*

Wenn sie sich dann doch einmal auf ihre Jugendideale besannen, dann nur rein theoretisch. Der eigene Ursprung wurde zu gern als Deckmäntelchen missbraucht. Nichts von ihrem anfänglichen Elan fand sich in ihren Taten wieder. Unsere Revolutionäre (meine Stammtisch-, Studien- und Tanzfreunde von damals, und, nebenbei bemerkt, die Objekte meiner sexuellen Träume) wurden zufriedene Regenten, sehr selbstzufrieden meistens. 

Die verspielte Seite von ’68 verschwand oder schlug um, in die Lobhudelei eines Alles-geht-und-alles-gefällt-uns. Diejenigen, die nicht mitmachen und ihrem ursprünglichen Geist treu bleiben wollten, galten als gescheitert. Die wahren Gescheiterten aber machten sich sogleich auf dem Thron breit.  

Hat irgendjemand behauptet, dass Geschichte gerecht ist? 

Und jetzt findet ein Revival der sechziger Jahre statt. Das ist abartig. Dass dieses Comeback einem bis zur Unkenntlichkeit zerkochtem Eintopf gleicht (wie alle historischen Rückblenden und musikalischen Historiographien, die sie im Fernsehen zusammenschustern) ist an sich schon eine ‚Errungenschaft‘ der sechziger Jahre.
Die Verfälschung der Geschichte hat bereits vor langer Zeit begonnen. Weil die Geschichte durch die Joop van den Endes geschrieben wurde. 

Die Sechzigerjahre wurden zu einem Produkt. Genau genommen, waren sie das schon immer. Einem Produkt, gut geschützt vor den Hauptschuldigen, geschützt vor jedem,
der mit einem mahnenden Finger darauf zeigen wollte. 
Ich aber zeige mit all meinen zehn Fingern darauf. 

Ich fühle mich von meinen Generationsgenossen verraten. Ich bin in einer Generation von Verrätern aufgewachsen. Ich bin Teil einer Generation, die die Welt das erste Mal seit Jahrhunderten hässlicher zurück lässt, als sie sie vorgefunden hat. 

Nichts von Format, nichts mit Stil, nicht mal eine große Geste brachte sie zustande. 

All das hier ähnelt mitunter einem Klagelied. Klagelieder anzustimmen ist eigentlich nicht meine Art. Es war ja auch nur der Bericht eines Albtraums, keine wissenschaftliche Abhandlung. 
Der Bericht eines Albtraums, der einst als Traum begann.

 

Gerrit Komrij

 

* Der rote Hahn ist ein Symbol der niederländischen Sozialdemokratie.