Ekel

Ekel

Der Ekel ist aller bösen Säfte letztes Sammelbecken. Das Becken gärt und bäckt an, qualmt und braust, so dass wir unbeschadet weder hören, noch sehen, noch riechen können. Ein unkeuscher Brei. Auf der Schicht, die sich darauf bildet könnten wir tanzen. Eine Krampfader zuviel, eine Fistel mehr, und immer unansehnlich in unserem Blickfeld.

Der Ekel bricht sich seine Bahn. Was zuvor nur ein leichtes Ärgernis war, ein Hauch von ästhetischem Ungenügen, ein vorübergehendes Gefühl von Unwohlsein, ist auf einmal ein lodernder, existentieller Widersinn. Gegen alles, was sich, nur weil es zwei Beine hat und keine Federn trägt, einbildet Mensch zu sein. Ach, an Hässlichkeit gewöhnt man sich, aber nicht an die Tatsache, dass sie nie ein Ende hat.

Warum lassen die Hässlichen, sobald es auch nur ein wenig wärmer wird, unabänderlich als Erste ihre Hüllen fallen? Warum erachten gerade sie es als so unumgänglich, fast alles vor der Außenwelt zu entblößen?  Während so manche Schönheit noch eine dezente Strumpfhose oder einen Flanell handhabt, ist der Rest eine große Parade von dampfenden Achseln, grauen Haarschöpfen, rostigen Schenkeln, von Hängetitten und Bäuchen, die einem falsch umgehängten Rucksack gleichen. Blutergüsse und Ekzeme – allgegenwärtig.

Sobald die Sonne scheint, hat der widerlichste Teil der Menschheit sich bereits entblättert. Der hübschere Teil wartet bisweilen noch ein wenig, doch alles, was blubbert, schwitzt, hinkt, schief hängt und eitert stellt, mir nichts, dir nichts, hoppla, so schnell es geht, ohne auch nur einen Moment des Zögerns, sich selbst zur Schau.

Es ist nicht nur ein Eindruck, es ist eine statistisch erwiesene Tatsache.

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Geilheit

Geilheit

Befriedigung lässt sich nicht erzwingen. In der Encyclopaedia Britannica steht, so las ich, dass moderne Sexologen das Masturbieren ausdrücklich empfehlen.
Es hat, so behaupten sie, eine beruhigende Wirkung. Spannung würde dadurch entladen.

Nichts ist weniger wahr. Man wird nur geiler davon.

Sollte dir der Sinn mal nach all dem stehen, was ich hier wohl nicht weiter auszuführen brauche, was aber in jedem Fall auf eine durchaus vertraute Begegnung zwischen einer beschränkten Anzahl menschlicher Komposita hinausläuft und dabei nichts anderes zum Ziel hat, als sich selbst durch eine ebenso beschränkte Anzahl an Bewegungen für eine gewisse Zeit dem kritischen gesellschaftlichen Diskurs zu entziehen, so bist du den Heiden ausgeliefert. Nicht nur Masturbation, sondern jeglicher erotischer Kontakt, jede erotische Abbildung, jede erotische Anspielung, jede Handlung, jede Entladung, wirkt dann nur wie ein Aperitif:

Dein tatsächlicher Appetit wird dadurch nur größer.

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Grimm

Grimm

Der Ärger ist etwas für die kleinen Momente zwischendurch, die Wut für die gewöhnlichen Tage der Woche und der Zorn für den Sonntag. Grimm ist lediglich etwas für ganz spezielle Situationen.

Ärger und Wut verfliegen, zornige Böen flammen auf und verrauchen wieder, nur der Grimm schlummert permanent in uns – zumindest in manchem von uns. An Tagen des Hochgefühls lassen wir ihn heraus und präsentieren ihn der Welt.

Wir ärgern uns über jemanden, wir geraten über dieses oder jenes in große Wut, der Grimm jedoch bezieht sich weder auf eine Person noch auf eine Sache. Er ist viel zu nobel und zu hochtrabend, um sich mit einer bestimmten Person zu befassen, er kümmert sich nicht um die Bagatellen, die von gewöhnlichen Sterblichen als Probleme und Konflikte angesehen werden. Sein Objekt ist jedermann und das große Ganze.

Ärger und Wut und Zorn sind nur Splitter seines Glanzes, winzige Abgesandte seines Thrones. Sie wollen ihm einzig gefallen, und agieren deshalb so geschäftig. Sie streifen umher und plustern sich auf. Sie zischeln und fauchen und geraten in Wallung. Wer klein ist, muss fleißig sein, Epigonen müssen hart arbeiten – und das tun sie dann auch. Sie sind in der Lage, den Menschen vor Wut aufstampfen zu lassen, ihn rot, grün und blau anlaufen zu lassen, ihm einen Herzanfall zu bescheren.

Sie treten in solch großen Scharen auf, dass sie allgegenwärtig scheinen.

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Hass

Hass

Ob wir – einem x-beliebigen Passanten, den die Natur mit einem perfekten Körper ausgestattet hat, ein zerbrochenes Bierglas ins Gesicht rammen; – eine Talsenke, die mit farbenfrohen und funkelnden Frühlingsblumen bewachsen ist, mit einer Mischung aus Petroleum, Cayennepfeffer und Paraffin vollschütten; – die Sterne vom Himmel herunter toben und fluchen oder auch – unseren besten Freunden einen quallvollen Foltertod wünschen; das alles ist überhaupt nichts, im Vergleich zu dem Unrecht, welches uns an jenem Tag widerfuhr, an dem wir zur Welt kamen.

Denn ist es nicht so: Entweder wir sterben vom Herzen aus – und dann wären wir besser erst gar nicht geboren – oder wir hängen am Leben und müssten die Geburt, die ohnehin ausschließlich zum unerwünschten Tod führt, sowieso nur verfluchen.

Der Hass ist, nicht anders als die Liebe, etwas Lebendiges. So wie alle starken und bedingunslosen Triebe eine destruktive Seite besitzen, so ist auch der Hass, als Ausdruck dessen, dass wir am Leben hängen, destruktiv. Wie die Liebe.

Ohne Hass wäre unser Leben nichtig. Wenn wir die Liebe für etwas Nobles halten und sie als das Höchste betrachten, wozu der Mensch fähig ist, warum sollten wir dann auf den Hass herabblicken?

Was uns minderwertig macht und unwürdig der Perfektion dieses kunstvollen Gefüges aus Nerven, Muskeln und Venen, ist alles das, was sich zwischen Hass und Liebe bewegt: Die Apathie, die seichte Anspruchslosigkeit, seine Widersacher aufs Abstellgleis zu rangieren, das ‚Nach-oben-Buckeln-und-nach-unten-Treten’. Das ‚Ich-warte-noch-ein-wenig’ und ‚Man-weiß-ja-nie-wofür-das-noch-gut-sein-könnte’.

Das Kollaborieren und das (Tod-)Schweigen.

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Liebe

Liebe

Ein guter Test für die wahre Liebe sei, sagte einst Barbellion oder jemand dergleichen, ob du den Gedanken, die Fußnägel des Geliebten zu schneiden, ertragen könntest. Das ist in der Tat ein zitables Bild.

Fußnägel symbolisieren in einer weniger verklemmten Zeit den Abfall dem man sich ohne Ekel stellen muss, wie Schweiß oder Exkremente. Zudem sieht man es als Kniefall, der Geliebten in dienstwilliger Haltung zu Füßen zu liegen. Man wäre gleichsam nicht mehr, als die Nagelschere eines gottgeweihten Fußes.

Jemandem die Fußnägel zu schneiden hieße, ihm mit einer Waffe, wie winzig auch immer, zu Leibe zu rücken.

Wenn Sexualität Krieg ist, ist Liebe Frieden mit rauchendem Geschütz. Zu mehr als Waffenruhe ist der Mensch ohnehin nicht in der Lage. Er bleibt er selbst und tritt gleichzeitig aus sich heraus. Er bleibt er, da er, auch wenn er einen Friedensvertrag schließt, seine kriegssüchtige, blutgierige Art nicht leugnen kann.

Aus sich heraus tritt er, beschwört er doch, jenen Vertrag für ewig abgeschlossen zu haben. Unzertrennlich ist die Liebe mit großen Worten wie Hingabe, Frieden, Ewigkeit verbunden. Und doch gibt es keinen Bereich, wo die Diminutive so im Schwung sind – Liebchen, Küsschen, Dellchen. Fußnägelchen.

Auch lässt sich die Liebe, obschon als so himmlisch angesehen, mit Wohlgefallen in irdische Begriffe fassen. Wir können der Geliebten die Worte von ihren honigsüßen Lippen trinken, wir können ihre Rundungen anbeten, wir können uns paradiesisch in ihre göttliche Umarmung niederlassen, die Sterne vom Himmel pflücken, die goldenen Funken in ihrer Iris zählen, aber auch einfach ihre Fußnägel schneiden.

Die niedere Gebärde besudelt nicht, nein, sie erhöht eher den Glanz unserer Liebe. Denn – ein Paradox mehr – wir gehen erst mit Liebe schwanger wenn wir uns selbst völlig verloren haben. Wen wir lieben – dieser Andere – er hat Besitz von uns ergriffen. Wir schauen durch die Augen des Anderen, fühlen mit den Händen des Anderen, leben im Körper des Anderen.

Wir schneiden unsere Fußnägel selbst.

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Neid

 Neid

Der Neid, das wissen wir alle, ist grün und gelb. Vor allem aber wissen wir eines:  jeder ist damit behaftet, nur wir selbst nicht. Es gibt keinen anderen Makel, den wir so voreilig und bei den unterschiedlichsten Anlässen einem anderen unterstellen, wir selbst jedoch sind immer erstaunlich frei davon. 

Habgier, Prahlerei, Geiz, Verschwendungssucht, schlechte Laune, gute Laune – bei den Anderen heißt das alles Neid. Neid bei uns selbst ist – eine Verstimmung, eine Grille, sonst nichts, eine kleine Schrulligkeit, ein zu vernachlässigender Fall von Unbehagen, von Verstopfung. 

Geben wir zu, dass uns der Neid doch einmal plagt, dann scheinen sich um ihn herum plötzlich lauter noble Sentimente zu sammeln. Wir sind neidisch auf ein großes Talent von irgend jemandem, auf dessen Schönheit, dessen Fleiß oder auf dessen Gedächtnis. 

Nicht, dass wir dieses Talent oder jene Schönheit selbst besitzen wollten – wir sind ehrlich gesagt viel zu faul dafür oder zu eingenommen von unserer Visage. Nein, wir wollen nur zeigen: Wir sind nicht von der Straße und sehr wohl in der Lage, Zivilisation oder etwas Ästhetisches zu erkennen. 

So beneiden wir jemanden mit dem Gedächtnis eines Elefanten auch nicht wirklich – wir zollen diesem Vermögen nur den, ihm gebührenden Tribut. Eine Höflichkeitsverneigung, und danach – dösen wir innig zufrieden mit der Kürze unseres Gedächtnisses weiter. Eine Bequemlichkeit, die am liebsten alles beim Alten lässt.

Dass uns die gierende Mißgunst an die Gurgel springt würden wir niemals zugeben, wenn es um banale und ordinäre Dinge geht. Um Situationen, in denen wir insgeheim sehr wohl eine Verbesserung für uns sehen könnten – mehr Geld, einen Sportwagen, ein größeres Haus, eine Frau ohne Dauerwelle und Emma-Abo, kurzum: Nicht nur ein paar Gramm, sondern gleich ein paar Tonnen mehr.

Wir erwecken zu gern den Anschein, wir würden dem Anderen sein Hab und Gut wie Ferrari, Landhaus und bildhübsches Mädel von ganzem Herzen gönnen, oft im Schlepptau eine Floskel nach der scheinheiligen Devise, wir könnten das Glitzern, den Schein, sehr wohl ertragen.

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Verantwortlichkeit

Verantwortlichkeit

Du sitzt am Steuer und auf einmal schmettert ein Vögelchen gegen die Windschutzscheibe. Kurz das sanfte, weiche Geräusch einer Wärmflasche, wie wenn sie gegen eine Wand geschlagen wird. Dann Stille. Blut und ein paar Federn, das ist alles was bleibt.

Es ist etwas Schreckliches, ein Vögelchen mitten aus dem Leben zu reißen. Das klingt wie ein übersentimentaler Satz. Doch, es ist etwas Unumkehrbares passiert. Ein Vögelchen ist in sich so vollkommen. Äuglein, Ohren, Achseln, all das hatte es, in herzergreifenden Proportionen. Ein Herz, einen Darmtrakt, alles.

Ein kleines Universum platzte auseinander. Etwas Warmes wurde kalt und sehr bald schon wird es für immer verschwunden sein.

Du hast das Grauenvollste getan, was du aus der Unmenge an grauenvollen Dingen hättest tun können: Du hast in einen lebendigen Mechanismus eingegriffen. Du hast dich an etwas vergriffen, das auch sehr wohl ohne dich kann.

Du bist ein Mörder.

‚Das verdammte Auto‘, murmelst du. Und ohne es zu wissen, sprachst du damit den grundlegenden Satz aus. Der Tod des Vögelchens berührte dich zwar kurz unangenehm, aber ein Anderer, etwas Anderes hat es umgebracht.

Und so ist es sofort für dich möglich, wieder zur Tagesordnung überzugehen, schlimmstenfalls mit dem Mord des nächsten Federtierchens.

Blutbäder scheinen nun – auf einmal – unvermeidbar und marginal.

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